Wenn auch die meisten mit unserer Mischung ganz zufrieden sind, gibt es doch immer mal wieder Klagen, dass wir zu viele Autos aus den USA im Heft haben, statt uns mehr auf die Autos aus Deutschland zu konzentrieren.
Renate und Michael Zeise, Hünfelden
Von Andy Hajenski
Sicher sind Autos aus Deutschland eher „zum Anfassen“, aber die Auswahl an „besonderen“ Wagen – wie immer man das definieren will – ist bei uns einfach deutlich geringer als „jenseits des großen Teichs“, um mal die bekannte Phrase zu benutzen. Für alle Kritiker haben wir jetzt dieses Auto, das nicht nur hier fährt, sondern sogar hier bei uns gebaut wurde und trotzdem mit den amerikanischen Top-Customs mithalten kann. Und natürlich für Aufsehen sorgt, wo immer es auftaucht. Aber bis dahin war es wirklich ein weiter Weg.
Renate und Michael sind schon lange in der US-Car-Szene. Von 1988 – 96 hatten sie einen Chevy Pickup, den sie selbst auf- und umgebaut hatten. Michaels Beruf als Flugzeugmechaniker war dabei sicher nicht hinderlich. Der Truck war damals auf fast allen US-Car Treffen zu sehen. Als man sich 1996 zwei Hunde anschaffte, wurde das unpraktisch. Also begab man sich auf die Suche nach einem „hundegeeigneten“ Fahrzeug und fand ein angefangenes Custom-Projekt, einen zerlegten 54er Chevy Sedan Delivery mit dem Rahmen eines 74er Chevrolet Chevelle dabei. Da auch jemand unbedingt den Pickup kaufen wollte, stand dem Bau des „Hundeautos“ also nichts mehr im Weg. Was man nicht ahnte, war, wie lange es bis zur Vollendung dauern sollte …
Ein Sedan Delivery ist ein Kombi ohne hintere Seitenscheiben und ohne hintere Sitzreihen. Er ist sozusagen der kleinere Bruder der Delivery Vans, der geschlossenen Kastenwagen auf Pickup-Basis. Sedan Deliveries gibt es schon seit Mitte der 30er-Jahre, Ende der 50er-Jahre kamen sie dann irgendwie aus der Mode, bei Chevrolet wurden 1960 die letzten gebaut. Während Deliveries damals reine Nutzfahrzeuge waren, bei denen es nur auf Zuverlässigkeit, niedrigen Anschaffungspreis und günstige Unterhaltskosten, aber überhaupt nicht auf Optik ankam, sind Deliveries heute Kult. Als Van genauso wie als Pkw, meist in umgebauter Form, wobei der Umbau in den seltensten Fällen so aufwendig und vor allem so gelungen ist wie hier.
Umbau
Zu Hause ging es zügig los, man setzte zuerst die Delivery-Karosse auf den – wegen des anderen Radstands – um 3 Zoll (ca. 7,5 cm) gekürzten Chevelle-Rahmen. Draufgesetzt hat man sie strenggenommen eigentlich nicht, sondern darüber gechannelt. Das heißt, der komplette Boden wurde rausgetrennt und 3,5 Zoll (ca. 9 cm) höher wieder eingeschweißt. Dabei musste man ihn natürlich an den Rahmen anpassen und deshalb aus Tafelblech fast komplett neu bauen, mit Vierkantrohr als Verstärkung. Die Schweller blieben, wie sie waren, die Karosserie wurde also sozusagen über den Rahmen gestülpt. Nur wer das schon mal gemacht hat, kann ermessen, was das für ein Aufwand ist. Auch die Spritzwand und der Motorraum mussten natürlich an den V8 angepasst werden.
Aber damit war es längst nicht genug, das Dach wurde um 4 Zoll (ca. 10 cm) gechoppt. Ist das sowieso schon eine schwierige Arbeit, wurde es hier durch die großen, unhandlichen Dachteile, die man in der Hand hatte, noch weiter erschwert. Dass es hinten keine Seitenscheiben gibt, war da kein richtiger Trost, denn diese großen Blechflächen glatt zu bekommen, war eine echte Herausforderung. Bei allen Arbeiten half Renate mit. Die Chevelle hatte zwar einen V8, aber der genügte den hohen Ansprüchen nicht. So wurde ein TPI-Motor (Tuned Port Injection, eine Einspritzanlage) nebst 700er Overdrivegetriebe aus einer Schlachtcorvette besorgt. Nachdem alles im Rohbau ziemlich fertig war, machte man im März 1998 erst mal eine schöpferische Pause. Allerdings dauerte die dann länger als ursprünglich geplant, nämlich über sechs Jahre.
Erst im Mai 2004 ging es weiter, dafür mit frischem Schwung ...